Halleluja: Drei Schwestern in Berlin

Heilig Kreuz Kirche Berlin vor Sonnenaufgangg

Dieser Weg scheint magisch zu sein. Von besonderem Weihnachtsspirit erfasst. Der Himmel ist grau. Berlin ist grau. Aber das ist egal. Grau kann alles sein und doch bin ich froh. Sehr froh.

Was mir am Montagmorgen in einer grauen Großstadt Freude macht? Drei Ordensschwestern laufen vor mir. Von Kopf bis Fuß in – jawoll – grau gekleidet passen sie prima in das morgendliche Straßenbild. Graue Jacken, graue Röcke, Strümpfe, Schuhe. Ihre langen Hauben wehen im Dezemberwind. Zwei Hauben sind schwarz, eine weiß. Später werde ich die Bedeutung der Farben googeln. Drei Schwestern im Tarnmodus.

Und doch fallen sie auf. Schwestern sieht man in der Großstadt nicht oft. Sie sind schlank und gehen flott. Sie haben eine Mission. Naja, und es ist kalt. Die Drei gehen nebeneinander, über die gesamt Breite des Gehwegs. Ich folge in gebührendem Abstand. Das stellt sich automatisch ein. Irgendwie cool, denke ich und lasse das Bild auf mich wirken. Noch eine Woche bis Weihnachten.

Im Windschatten

Die Zipfel der Hauben reichen bis zur Taille und wippen bei jedem Schritt munter hin und her. Wie in einem Western, wenn der Pistolenheld mit wehendem Mantel auf die staubige Straße vor dem Saloon tritt. High Noon in the City. Drei Schwestern für ein Halleluja. Ok, vielleicht ein komischer Vergleich, aber was einem so am Montagmorgen durch den Kopf schießt.

Flott gehen die Schwestern weiter. Ihre Gesichter kann ich nicht sehen. Aber die Resonanz der entgegenkommenden Menschen. Sie passieren die drei Kirchenladys und präsentieren mir unmittelbar ein verblüffendes Panorama an Reaktionen. Großes Kino.

Als erste kommt eine rundliche kleine Frau angelaufen. Ihr langes Gewand reicht bis auf den Boden. Es ist schwarz, ihr Kopftuch auch. Mit einer Hand hält sie ihre Strickstola zusammen. Sie schielt zu den Schwestern und es funkelt in ihren Augen. Die nächste Frau ist nicht in schwarz gekleidet, sondern in beige und braun. Sie ist jünger als die erste. Ihr Kopftuch kunstvoll gesteckt. Sie lächelt.

Glück ist stärker als grau

Jetzt wird es spannend, weil eng auf dem Gehweg. Zwei junge Frauen sind im Anmarsch. Sie haben sich untergehakt und quatschen munter. Dafür brauche ich noch zwei Kaffee, aber sie sind schon gut drauf. Sie passieren die Schwestern. Die Linke blickt die Rechte an. Dann kichern sie.

Der Mann, der uns nun entgegen kommt, lacht offen und grüßt höflich. „Guten Morgen“, ich vermute stark, dass er die Schwestern nicht kennt. Er hat ein faltiges Gesicht und graues strubbeliges Haar. Er nickt freundlich mit dem Kopf, verbeugt sich ein wenig. Die Ordensschwestern grüßen zurück. Der Mann strahlt. Er hat nur einen Schneidezahn.

Selfie in Kreuzberg

Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt. Zur Belohnung: Die ungeschminkte Wahrheit am Montagmorgen.

Wir setzen alle unseren Weg fort. An der nächsten Straßenecke schließe ich mit den drei Schwestern auf. Sie schwatzen mit süddeutschem Akzent. Ob sie wissen, welche heitere Stimmung Sie mit ihrer bloßen Anwesenheit verbreitet haben? Diese Mischung aus Ehrfurcht, Respekt und Freude. Ein Windstoß fährt unter die Haube der Schwester neben mir. Ein Zipfel weht gegen meinen Ärmel.

Ob es sich mit Ordensschwestern verhält wie mit Schornsteinfegern? Ich beschließe: ja. Das bringt bestimmt Glück.

Alles grau? Na und!

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