Läuft bei ihm

Virusabbildung

Sie ist die römische Göttin des Glücks, aber auch des Schicksals und des Zufalls und in der Berliner S-Bahn stellt sie mich auf die Probe. Fortuna, echt jetzt?

Es ist später Nachmittag und die S1 voll. Ich habe einen Fensterplatz in einem Viererabteil ergattert, sogar in Fahrtrichtung. Schräg gegenüber sitzt ein älterer Herr. Ein Spiel auf seinem Smartphone zieht ihn in den Bann. Pling. Bunte Zahlen flimmern über den Bildschirm. Pling. Sternchen. Läuft bei ihm. Geschickt bedient er das Display mit dem Daumen der linken Hand. In der anderen Hand hält er einen Kaffeebecher. Mit einmal verändert sich sein Gesichtsausdruck.

Sein Mund öffnet sich zu einem spitzen O. Er zieht die Luft ein und prustet sie mit aufgeblasenen Backen wieder aus – er hustet zweimal kräftig. Ich bin froh, dass ich ihm nicht direkt gegenübersitze. Erneut verzieht er den Mund. Oh no, denke ich, noch ein O. Ein erneuter Huster kündigt sich an und jawoll, da ist er. Ein Luftschwall wirbelt auf meine Sitznachbarin, doch sie bleibt unbeeindruckt. Candy Crush sei Dank.

Als sich das nächste O formt, drehe ich den Kopf zur Seite weg. Nee, ist schon klar, wenn man beide Hände voll hat, ist das Husten in die Armbeuge schwierig. Man muss ja Prioritäten setzen. Es folgt der natürliche Reflex, mit dem die Atemwege von Fremdkörpern gereinigt werden, dann ein lautstarkes Nasehochziehen. Dazwischen plingt das Smartphone. Als ich zurück schaue zum Verursacher der vielfältigen Körpergeräusche, sehe ich zu meiner Überraschung, dass der Mann sein Handy auf dem Knie abgelegt hat. Er nimmt die freie Hand, fasst sich an die Nase und drückt die Spitze seines Riechkolbens zwischen Daumen und Zeigefinder fest zusammen. Läuft bei ihm.

Tja, er muss zurück zu seinem Spiel. Wenn ihr denkt, das war schon eklig. Denkste! Schnell leckt er seinen Daumen ab. Er nimmt das Telefon in die Hand und dreht flott noch einmal das virtuelle Glücksrad. Das Schicksal ist ihm hold. Sternchen. Pling. Pling. Damit könnte die Geschichte enden, doch die Rotze ist stärker. Kräftig zieht der Mann den Schnodder hoch. Pling. Da er keine Hand frei hat, versucht er nun, seine Nasenspitze mit der Zunge zu erreichen. Das sieht nicht nur unglaublich blöd aus, es ist auch nahezu unmöglich. Nur etwa zehn Prozent der Menschen können das. Er nicht.

Die S-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Ich habe meine Station erreicht und steige aus. In meiner Manteltasche finde ich sofort ein Taschentuch. Läuft bei mir.

 

 

 

 

 

Foto: (c) Christian Daum / PIXELIO

Du magst vielleicht auch